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Warum Deutschland eine zweite Gründerzeit braucht

MVMarkus Vogt
23. September 2026
8 Min. Lesezeit
Warum Deutschland eine zweite Gründerzeit braucht

Warum Deutschland eine zweite Gründerzeit braucht

Die Gründungszahlen in Deutschland stagnieren seit Jahren auf einem Niveau, das viele Ökonomen mit Sorge betrachten. Gleichzeitig steht die Wirtschaft vor einem tiefgreifenden Strukturwandel, der neue Unternehmen und frische Geschäftsideen dringend braucht.

Immer mehr Stimmen aus Wirtschaft und Politik sprechen deshalb von der Notwendigkeit einer zweiten Gründerzeit. Doch was genau müsste passieren, damit aus dem Schlagwort echte unternehmerische Dynamik wird? Dieser Beitrag ordnet die Debatte ein und zeigt konkrete Ansatzpunkte, von der Finanzierung über die Bürokratie bis hin zur gesellschaftlichen Einstellung gegenüber unternehmerischem Risiko und der Rolle etablierter Unternehmen dabei.

Warum das Bild eines Schlagworts allein nicht reicht

Der Begriff der zweiten Gründerzeit wird inzwischen in vielen politischen Reden bemüht, oft ohne dass klar wird, welche konkreten Maßnahmen dahinterstehen sollen. Branchenbeobachter warnen davor, das Schlagwort zu einer reinen Symbolformel verkommen zu lassen, die zwar gut klingt, aber ohne konsequente Umsetzung wirkungslos bleibt. Erst wenn konkrete Reformen bei Kapitalzugang, Bürokratie und Gründungskultur folgen, wird aus der Formulierung mehr als eine weitere politische Ankündigung.

Was meint der Begriff „zweite Gründerzeit“ konkret?

Der Begriff lehnt sich an die historische Gründerzeit im 19. Jahrhundert an, als in Deutschland innerhalb weniger Jahrzehnte zahlreiche Industrieunternehmen entstanden, die bis heute prägend sind. Eine zweite Gründerzeit soll ein vergleichbares Momentum für die heutige Zeit beschreiben, getragen von Digitalisierung, Klimatransformation und neuen Technologiefeldern.

Es geht dabei nicht nur um mehr Startups, sondern um eine grundsätzlich unternehmerischere Wirtschaftskultur. Diese Unterscheidung ist wichtig, denn eine höhere Zahl an Neugründungen allein sagt noch wenig darüber aus, ob daraus auch tragfähige, wachstumsstarke Unternehmen entstehen.

Warum braucht Deutschland gerade jetzt eine zweite Gründerzeit?

Strukturwandel und demografischer Druck verstärken die Dringlichkeit

Klassische Industriezweige stehen unter erheblichem Transformationsdruck, während gleichzeitig ganze Generationen von Unternehmern in den Ruhestand gehen, ohne immer einen Nachfolger zu finden. Neue Unternehmen können hier nicht nur wirtschaftliche Lücken schließen, sondern auch frische Antworten auf drängende Zukunftsfragen liefern.

Ohne eine spürbare Zunahme an Neugründungen droht Deutschland wirtschaftlich an Dynamik zu verlieren. Hinzu kommt der internationale Vergleich: In mehreren europäischen Nachbarländern und insbesondere in den USA fällt es jungen Unternehmen deutlich leichter, schnell zu wachsen und Kapital einzusammeln.

Diese Lücke im Innovationstempo lässt sich nach Einschätzung vieler Wirtschaftsbeobachter nur durch eine bewusste politische und kulturelle Kurskorrektur schließen. Wer diesen Vergleich ernst nimmt, erkennt, dass es nicht allein an fehlenden Ideen mangelt, sondern vor allem an den Rahmenbedingungen, unter denen diese Ideen zu echten Unternehmen heranwachsen können.

Warum gerade jetzt ein günstiges Zeitfenster besteht

Mehrere technologische Umbrüche gleichzeitig, etwa in den Bereichen künstliche Intelligenz, Energietechnik und industrielle Automatisierung, schaffen nach Einschätzung von Wirtschaftsbeobachtern ein besonders günstiges Zeitfenster für neue Unternehmen. Wer jetzt mit einer überzeugenden Idee in einem dieser Zukunftsfelder startet, trifft auf einen Markt, der sich noch nicht vollständig gesetzt hat. Verpasst Deutschland dieses Zeitfenster, könnte sich die Technologieführerschaft in diesen Feldern dauerhaft in andere Regionen verschieben.

Wie könnte eine neue Gründerzeit in Deutschland gelingen?

Kapitalzugang für junge Unternehmen erleichtern

Ein zentrales Hindernis für viele Gründerinnen und Gründer bleibt der eingeschränkte Zugang zu Wachstumskapital, insbesondere in späteren Finanzierungsrunden. Im Vergleich zu anderen Wirtschaftsräumen fließt in Deutschland deutlich weniger Risikokapital in junge Unternehmen, was viele vielversprechende Ideen frühzeitig ausbremst.

Ein breiterer Zugang zu privatem und institutionellem Kapital gilt deshalb als eine der wichtigsten Voraussetzungen für eine zweite Gründerzeit. Finanzierungsprogramme für Gründungen bietet unter anderem die KfW Bankengruppe. Besonders in der Wachstumsphase, wenn ein Unternehmen sein Geschäftsmodell bereits bewiesen hat, aber zusätzliches Kapital für internationale Expansion benötigt, fehlt es in Deutschland häufig an ausreichend großen einheimischen Investoren.

Bürokratie bei Unternehmensgründungen spürbar abbauen

Auch der administrative Aufwand bei der Gründung selbst schreckt viele potenzielle Unternehmerinnen und Unternehmer ab, insbesondere im Vergleich zu deutlich schlankeren Verfahren in anderen Ländern. Eine digitale, unbürokratische Gründung innerhalb weniger Tage statt Wochen würde die Hürde für den ersten Schritt erheblich senken.

Digitale Unternehmensgründung ohne mehrfache Behördengänge
Vereinfachter Zugang zu Wachstumskapital für junge Unternehmen
Steuerliche Anreize für private Investitionen in Startups
Engere Verzahnung von Hochschulen, Forschung und Unternehmertum
Vereinfachte Regeln für Mitarbeiterbeteiligungen in jungen Unternehmen

Warum Mitarbeiterbeteiligungen ein unterschätzter Hebel sind

Gerade in der Frühphase können junge Unternehmen selten mit den Gehältern etablierter Konzerne konkurrieren und setzen deshalb häufig auf Beteiligungen am künftigen Unternehmenserfolg, um qualifizierte Mitarbeitende zu gewinnen. Komplizierte steuerliche und rechtliche Regelungen erschweren solche Modelle in Deutschland bislang deutlich stärker als in Ländern mit etablierteren Startup-Ökosystemen. Eine spürbare Vereinfachung an dieser Stelle würde jungen Unternehmen direkt im Wettbewerb um Talente helfen, ohne dass der Staat dafür unmittelbar zusätzliches Geld bereitstellen müsste.

Welche kulturellen Veränderungen braucht eine zweite Gründerzeit?

Neben Kapital und Bürokratie spielt auch der gesellschaftliche Umgang mit unternehmerischem Scheitern eine entscheidende Rolle. In vielen erfolgreichen Gründungsökosystemen gilt ein gescheitertes erstes Unternehmen als wertvolle Erfahrung, während in Deutschland ein Scheitern häufig noch mit deutlich stärkerer sozialer Stigmatisierung verbunden ist.

Diese kulturelle Komponente lässt sich nicht per Gesetz verordnen, aber sie lässt sich durch Vorbilder, öffentliche Sichtbarkeit erfolgreicher Zweitgründungen und eine offenere Berichterstattung über gescheiterte, aber lehrreiche unternehmerische Versuche allmählich verändern. Wirtschaftsbeobachter sehen in diesem kulturellen Wandel einen ebenso wichtigen Baustein wie in den rein strukturellen Reformen.

Welche Signalwirkung erfolgreiche Vorzeigeunternehmen haben können

Wenige Dinge motivieren angehende Gründerinnen und Gründer so sehr wie sichtbare Erfolgsgeschichten aus dem eigenen Land. Jedes deutsche Unternehmen, das aus einer Gründung heraus zu einem international wettbewerbsfähigen Marktführer heranwächst, wirkt über die eigene Branche hinaus als Beleg dafür, dass unternehmerischer Erfolg auch in Deutschland realistisch ist. Wirtschaftsbeobachter sehen in solchen Vorzeigebeispielen einen unterschätzten, aber wirkungsvollen Baustein, um mehr Menschen zum Schritt in die Selbstständigkeit zu ermutigen, gerade weil abstrakte Statistiken über Gründungszahlen selten dieselbe motivierende Wirkung entfalten wie eine konkrete, greifbare Erfolgsgeschichte.

Wann würde sich eine echte Trendwende zeigen?

Eine spürbare Trendwende würde sich zunächst in steigenden Gründungszahlen über mehrere Jahre hinweg zeigen, nicht in einzelnen Ausreißerjahren. Noch aussagekräftiger wäre eine wachsende Zahl an Unternehmen, die tatsächlich über die Gründungsphase hinaus skalieren und neue Arbeitsplätze schaffen.

Bis solche Effekte messbar werden, dürften nach Einschätzung von Wirtschaftsexperten mehrere Jahre konsequenter Reformen nötig sein. Wer schnelle, einjährige Erfolge erwartet, verkennt die Trägheit, mit der sich Kapitalmärkte, Gründungskultur und regulatorische Rahmenbedingungen tatsächlich verändern.

Welche Rolle spielen etablierte Unternehmen für eine zweite Gründerzeit?

Eine zweite Gründerzeit wird häufig ausschließlich als Aufgabe für Startups und junge Gründerinnen und Gründer diskutiert, doch auch etablierte Mittelständler und Konzerne können eine wichtige Rolle spielen. Kooperationen zwischen jungen Unternehmen und etablierten Industriebetrieben verbinden frische Ideen mit vorhandenem Marktzugang, Produktionskapazitäten und Kundenbeziehungen, die Startups allein oft erst über Jahre aufbauen müssten.

Immer mehr Mittelständler richten eigene Innovationseinheiten oder Beteiligungsfonds ein, um gezielt in junge Unternehmen aus ihrem eigenen Marktumfeld zu investieren. Diese Form der Zusammenarbeit gilt als besonders vielversprechend, weil sie das Kapital und die Erfahrung etablierter Betriebe mit der Innovationsgeschwindigkeit junger Unternehmen kombiniert, statt beide Welten strikt getrennt zu betrachten.

Warum Corporate-Startup-Kooperationen bislang noch die Ausnahme sind

Trotz vielversprechender Einzelbeispiele bleibt die enge Zusammenarbeit zwischen etablierten Unternehmen und Startups in Deutschland bislang eher die Ausnahme als die Regel. Unterschiedliche Entscheidungsgeschwindigkeiten, abweichende Unternehmenskulturen und fehlende Erfahrung mit Beteiligungsmodellen erschweren solche Kooperationen häufig auf beiden Seiten. Wirtschaftsverbände empfehlen deshalb gezielte Vermittlungsprogramme und Netzwerktreffen, die genau diese Kluft zwischen etablierter Wirtschaft und junger Gründerszene systematisch verkleinern sollen.

Welche Rolle spielen Hochschulen und Forschungseinrichtungen?

Ein bislang zu wenig genutztes Potenzial liegt an deutschen Hochschulen und Forschungseinrichtungen, aus denen zahlreiche technologisch anspruchsvolle Ideen hervorgehen, ohne dass daraus regelmäßig eigenständige Unternehmen entstehen. Im internationalen Vergleich gründen deutlich weniger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ein eigenes Unternehmen aus ihrer Forschung heraus, obwohl die fachliche Grundlage oft exzellent ist.

Eine engere institutionelle Verzahnung zwischen Forschungseinrichtungen und Gründungsberatung, etwa durch eigene Ausgründungszentren mit unbürokratischem Zugang zu erster Finanzierung, könnte dieses Potenzial deutlich besser erschließen. Mehrere Hochschulen haben in den vergangenen Jahren bereits entsprechende Strukturen aufgebaut, deren Wirkung sich aber erst über einen längeren Zeitraum vollständig beurteilen lässt.

Fazit: Eine zweite Gründerzeit ist keine Selbstläufer-Vision

Deutschland verfügt über exzellente Forschung, starke Industrietradition und gut ausgebildete Fachkräfte, es fehlt aber an unternehmerischem Schwung und den richtigen Rahmenbedingungen. Eine zweite Gründerzeit entsteht nicht von allein, sondern nur durch konsequenten Bürokratieabbau, besseren Kapitalzugang und eine Kultur, die unternehmerisches Scheitern nicht stigmatisiert.

Wer diese Weichen jetzt stellt, legt den Grundstein für die wirtschaftliche Dynamik der kommenden Jahrzehnte, und zwar getragen von einem Zusammenspiel aus jungen Gründungen, etablierten Unternehmen und leistungsfähiger Forschung, statt von einer einzelnen isolierten Maßnahme. Je früher Politik, Wirtschaft und Gesellschaft gemeinsam an diesen Stellschrauben ansetzen, desto realistischer wird aus dem viel zitierten Schlagwort tatsächlich spürbare unternehmerische Dynamik, die über einzelne Erfolgsgeschichten hinaus die gesamte Wirtschaft nach vorne bringt.

Am Ende entscheidet nicht ein einzelnes Gesetz oder ein einzelner Fördertopf über den Erfolg dieser Vision, sondern das beharrliche Zusammenwirken vieler kleiner Reformschritte, das aus einem Schlagwort schrittweise gelebte unternehmerische Realität werden lässt.

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MV
Markus Vogt Redaktion, Businessify

Das Redaktionsteam von Businessify recherchiert und schreibt über Wirtschaft, Führung und Digitalisierung im deutschen Mittelstand.

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